Früher hatte er weder Ruhm noch Anerkennung

Heute freuen sich Gruppen, mit dem „Nachtwächter“ durch die Straßen zu ziehen.

von Sonja Weichert

Aktuell_Portrait_NachtwächterBis Anfang des 20. Jahrhunderts gab es sie: Die Nachtwächter. Mit der Laterne und einem Hund als treuen Wegbegleiter sorgten sie auch im Dorf Rinteln für Ruhe und Ordnung. Abends, wenn die Sonne unterging, kam die Zeit der ehrlosen Gesellen, als was die Nachtwächter damals angesehen waren. Sie mussten in der Nacht ihre Taler verdienen. Dabei waren die Voraussetzungen für diesen Beruf nicht nur, dass sie lesen und schreiben können sollten, sondern man musste auch ein unbescholtener Bürger sein. Trotzdem gab es weder Ruhm noch Anerkennung für den Nachtwächter. Seine Aufgaben waren es zu prüfen, ob Tore und Türen verschlossen waren, aber auch zu schauen, ob die Feuerstellen zur rechten Zeit erloschen waren. Denn das war die größte Gefahr. Das Spenden von Licht, um die Menschen sicher in ihre Häuser zu geleiten, gehörte auf seinen festen Wegen, die er abendlich ging, auch zu den Tätigkeiten. Gerade zu Zeiten der Universität (1619 bis 1810) war es sicher nicht der leichteste Job. Aber auch viele Dinge, die nicht an die Öffentlichkeit sollten, konnten vor dem Nachtwächter meist nicht verborgen bleiben. Um nur eins zu nennen: Er sah sicher auch viele Männer und Frauen, die in die falschen Betten stiegen!

Aktuell_Portrait_Nachtwächter_EdelmannDietmar Ostermeier ist heute Rintelns „Nachtwächter“ und führt die willigen Bürger durch die Nacht der schönen Altstadt. Als festen öffentlichen Termin geht er jeden ersten Dienstag im Monat um 20 Uhr am Marktplatz los. Diese Führung ist durch das Sponsoring von „Pro Rinteln“ kostenlos. Aber auch an anderen Tagen kann man seine Dienste buchen. Über die Tourist- Information (05751/403970) können individuelle Führungen durch die Altstadt, neu jetzt auch in englischer Sprache, für Ausflüge, Betriebs- oder Familienfeiern gebucht werden.

Vom Hobby zum Nebenjob kam der Industriemeister zu den kostümierten Führungen, wo Dietmar Ostermeier auch seinen Schwerpunkt sieht. Der 45-jährige übernahm als Urlaubsvertretung schon seit 2008 die Führungen von Alfred Schneider, der als hauptberuflicher „Nachtwächter“ in Rinteln umherzog. Seine Ausbildung machte Ostermeier in Bückeburg als Gästeführer bei der Ländlichen Erwachsenen Bildung und hatte so schon eine Grundlage und fundierte Kenntnisse in Rhetorik und dem Umgang mit Gruppen. Auch beim Gästeführer-Damen- Trio „Weiberschnack“ begleitete Ostermeier als Nachtwächter das ein oder andere Mal. Im Frühjahr dieses Jahres kam eine weitere mehrwöchige Schulung beim Touristikverband dazu. Aber nicht nur mit Hut, Mantel, Laterne, Horn und Hellebarde (ein Mischform aus Hieb- und Stichwaffe) schlüpft der gebürtige Bückeburger auch mental in eine andere Rolle, sondern als Barocker Edelmann zieht er auch seine Runden.

Aktuell_Portrait_Nachtwächter_KiepenkerlGanz neu im Programm hat Ostermeier die Rolle des Kiepenkerls, ein umherziehender Händler, der Tauschwaren anbot und zum fahrenden Volk zählte. Dem nicht genug, so hat der verheiratete Familienvater neben einer Katze auch Bienen mit eigener Honigproduktion als „Haustiere“. Dies passt natürlich wieder hervorragend zum Nachtwächter, der auch häufig Bienen beherbergte und sich so seine eigenen Kerzen zog. Wer mehr aus dem Leben des Nachtwächters erfahren möchte, sollte einfach mal an einer Führung von Dietmar Ostermeier teilnehmen und erleben, wie der freischaffende Künstler komplett in ein anderes Leben schlüpft.

Als weitere große Leidenschaft hat Ostermeier noch die „Kunterbunte Spielzeugkiste“. Da bespaßt er mit Kinderschminken, Ballon-Figuren, Sommerski, Diabolo, Tellerdrehen und mehr große und kleine Gruppen. Infos hierzu und zu kostümierten Führungen unter 0177/3025098.

Über den Autor