Vom Kindergarten zur Hospizarbeit

Ingeborg Schumer führt das Leben zu immer neuen Herausforderungen

Aktuell_Portait_Schumer (4)_Avon Sonja Weichert

Was das Leben für einen bereithält, weiß man selten im Voraus. Was man aber daraus macht, kann jeder im eigenen Leben für sich mitbestimmen.

Die gebürtige Schwäbin Ingeborg Schumer wusste schon als junges Mädchen, dass sie im sozialen Bereich Hilfestellungen geben möchte. Mit einer Ausbildung zur staatlich anerkannten Erzieherin waren es die Jüngsten der Gesellschaft, die von ihr “an die Hand” genommen werden sollten. Nach dem Anerkennungsjahr sowie einem Berufsjahr arbeitete Ingeborg Schumer schon als Leiterin eines Kindergartens. Um sich selbst zu finden, wagte sie jedoch den „Sprung ins kalte Wasser“ und ging 1975 von Stuttgart nach Berlin. Da wurden in diesen Jahren Arbeitskräfte – bekannt durch die “Blaue Mappe von Berlin” – für zwei Jahre gesucht. So sammelte die nun 24-jährige Erfahrungen in unterschiedlichen Gesellschaftsschichten, bis sie dann in einer Kindertagesstätte nach einer vierwöchigen Bewährungszeit die Leitung übernahm. Die Zeit ging ins Land und die gedankliche Ausrichtung ihres Lebens orientierte sich wieder in den Süden Deutschlands.

Doch dann kam er: Hans-Joachim Schumer – die große Liebe für’s Leben. Als jüngster Filialleiter der Berliner Commerzbank hatte Hans-Joachim Schumer für einen Kunden den Baufortschritt im Baugebiet in Krankenhagen begutachtet und sich sofort in die Gegend verliebt. Wie viele Berliner in den 70er Jahren baute auch er sich einen Zweitwohnsitz auf. Nun war nicht mehr der Süden Deutschlands das angestrebte Ziel, sondern Krankenhagen sollte die Heimat werden. Aber erst, wenn das Paar schulpflichtige Kinder hat. Da aber immer alles anders kommt als man denkt, ging es mit der dreijährigen Tochter Cornelia schon 1982 in die neue Heimat. Ein Jahr darauf gab es Zuwachs mit Sohn Tobias. Der Ehemann den ganzen Tag in der Commerzbank Hannover war es Ingeborg Schumer zu wenig, “nur“ Mutter und Hausfrau zu sein. Dazu stammte sie aus einer ehrenamtlich geprägten „Rote Kreuz“ Familie und auch in Berlin engagierte sie sich bereits in einer kirchlichen Krabbelgruppe. Mit Annegret Hoffmann zeigte sie sich dann Mitte der 80er Jahre fürs Kinderturnen im TSV verantwortlich und als 1993 der Betreuungsverein gegründet wurde, gehörte Ingeborg Schumer nicht nur zu den Gründungsmitgliedern, sondern übernahm natürlich auch Betreuungen. Bei einer zehn Jahren jüngeren Frau, die nicht nur minderbegabt war sondern auch noch Alkoholikerin, übernahm sie für 18 Jahre die Vormundschaft. “Ich bin ein Teil dieser Gesellschaft und darum muss ich in meinen Möglichkeiten auch etwas zum Gelingen dieser beitragen”. Dass die Gesellschaft um das eigene “Nest” herum funktioniert, dafür wurden früh die Weichen mit Mitgliedschaften in der Feuerwehr, im Heimatverein und durch Kontakte beim Kegeln, Keglerball und Kinderturnen geknüpft. All dies trug dazu bei, dass sich die ganze Familie Schumer schnell Zuhause angekommen und gut aufgenommen fühlte.

Als die eigenen Kinder längst aus den Kinderschuhen und der Zeit des Kinderturnens herausgewachsen waren, war für Ingeborg Schumer dann die Zeit gekommen, diese Art von Ehrenamt in jüngere Hände zu geben. Auf der Suche nach einer ehrenamtlichen Beschäftigung die bis ins hohe Alter möglich ist, spielte wieder einmal der Zufall eine entscheidende Rolle. Eine ehemalige Berliner Kollegin erkrankte schwer an Krebs. Von der Ferne führte Ingeborg Schumer häufig Gespräche mit der Erkrankten und als es dem Ende zuging, verspürte sie das Bedürfnis, noch einmal in ihrer Nähe zu sein und reiste nach Berlin. In langen Gesprächen über “die alte Zeit” kam auch das Thema Hospiz dazu. “Dies war Zuhause längst in Vergessenheit geraten, bis mir das neue Programmheft der Volkshochschule in die Hände fiel”. Und wieder eine Fügung des Lebens; darin stieß Ingeborg Schumer auf einen Kurs mit Pastor Reinhard Zoske, um Sterbende zu begleiten. Obwohl dieser Kurs wegen zu wenig Teilnehmern nicht stattfand, ergab sich die Möglichkeit eines anderen Kurses, gemeinsam mit Annegret Hoffmann, beim Pflegedienst in Bad Eilsen. Mehr als zwei Jahre fuhren die beiden Frauen dann gemeinsam dorthin, um ehrenamtliche Hilfe zu leisten.

Und wieder einmal ergab es sich … und zwar im Jahr 2000. Gespräche fanden statt zur Gründung eines Hospizvereins, der dann 2001 mit 16 Mitgliedern startete. Darunter natürlich Ingeborg Schumer. In alle Bereiche schnupperte sie rein, setzte Ideen um, machte Begleitungen, führte die Telefongespräche, stellte die Arbeit des Hospizvereins in anderen Vereinen vor und koordinierte die Begleitungen – alles aus dem Hause Schumer. “Die Vorsitzenden vor mir waren voll berufstätig, ich nicht. Somit hatte ich die meiste Zeit”. Mit viel Öffentlichkeitsarbeit und Vorträgen wurde der Hospizverein bekannt gemacht und schon bald übernahm Ingeborg Schumer den zweiten Vorsitz. 2013 wurde sie dann zur ersten Vorsitzenden gewählt. Heute zählt der Verein 220 Mitglieder, alles ist gewachsen und hat sich entwickelt und immer wieder neue Herausforderungen und Chancen kommen auf die Ehrenamtlichen vom Verein zu. Die Organisation, die heute mit eigenem Büro und Koordinatorinnen abläuft, ist wichtig, weiß die Vorsitzende: „Aber die Basisarbeit liegt mir immer noch am Herzen wie am ersten Tag!“ So war es jetzt erst kürzlich eine Urnentrauerfeier, die auf Wunsch der Verstorbenen von Ingeborg Schumer durchgeführt wurde.

Heute ist ihr klar, dass sie sehr dankbar darüber sein kann, dass das Leben sie so geführt hat, immer neue Wege zu gehen. Früher, als junge Frau, war sie eher zurückhaltend und schüchtern, heute steht sie fest im Leben. Auf die Frage, wie sie die doch belastenden Erfahrungen verarbeiten kann, kommt als Antwort: “Ich bekomme mehr zurück als ich gebe. Ich lebe bewusster und versuche Wünsche und Ziele zeitnah zu realisieren und nicht zu verschieben”.

Über den Autor