„Spürst du Dich, dann spürst Du Dein Kind“: Emotionelle Erste Hilfe

gesund_diekstall_gerdes_emotionelle-erste-hilfe_aVon Anne Diekstall-Gerdes, Dipl.-Sozialpädagogin, Fachberaterin für Emotionelle Erste Hilfe

Navi’s sind aus unserem Leben nicht mehr weg zu denken. So manches Elternpaar würde sich so ein Navi wohl für den Umgang mit seinem Baby wünschen. Schwangerschaft, Geburt und die erste Zeit mit dem Baby stellen das bisherige Leben oftmals ganz schön auf den Kopf.

Thomas Harms hat ausgehend von den Arbeiten von Wilhelm Reich und seiner Tochter Eva Reich die Emotionelle Erste Hilfe (EEH) als ein körperorientiertes Verfahren zur Begleitung von Eltern mit Säuglingen und Kleinkindern entwickelt. Eingeflossen sind die aktuellen Erkenntnisse aus der Körperpsychotherapie und Neurophysiologie sowie aus der Bindungs- und Traumaforschung.

Die EEH findet sowohl in der Prävention und der Beratung als auch in der Krisenintervention und der Eltern-Baby-Therapie seine Verwendung. „Spürst du Dich, dann spürst Du Dein Kind“ lautet die Kernaussage dieses Konzeptes. (Harms, 2016)

Folglich kann das Körpergeschehen der Eltern als ihr Navi betrachtet werden. Der liebevolle Dialog der Eltern mit ihren Kindern kann nur auf der Basis eines entspannten Körpers gelingen. Das Phänomen, dass ein anderer Mensch zur Ruhe kommt, wenn wir selber ruhig, gelassen und entspannt sind, kennen die meisten Menschen. Doch wie soll dies gelingen, wenn das eigene Baby verzweifelt weint oder das 2-jährige tobend auf dem Boden liegt?

In der EEH begleiten wir Eltern in der Einzelberatung oder auch in Gruppenseminaren dabei, ihre innere Sicherheit während des Schreiens zu erhalten bzw. zurückzugewinnen. Ausgehend vom Erforschen und Anerkennen der belastenden Momente im Gespräch, unterstützen und verbessern wir gezielt die Entspannungs- und Kontaktfähigkeit der Eltern mittels bindungsstärkender Körperberührungen, Atemtechniken, achtsamer Körperwahrnehmung und Vorstellungsübungen. Es entstehen neue Handlungsmöglichkeiten und die Eltern gewinnen Sicherheit im Umgang mit ihrem Baby oder Kleinkind.

Ein weiterer wichtiger Aspekt der EEH ist die Unterstützung des Säuglings in seiner Regulationsfähigkeit. Wir wissen heute, dass das vermehrte Schreien in den ersten drei Monaten in den seltensten Fällen auf Verdauungsprobleme zurückzuführen ist. Säuglings-und Bindungsforscher sind sich einig, dass verstärkte Unruhe und Schreien gleichermaßen im „schwierigen“ Temperament des Säuglings liegen sowie im Stress während und nach der Schwangerschaft oder in Reizüberflutung ihren Ursprung haben. Durch sanfte Körperarbeit mit dem Baby – wie zarte, schmetterlingsleichte Berührungen und spezifische Positionierungen des Körpers – wird eine allgemeine Entspannung des Babys gefördert.

Dies kann im Einzelkontakt mit den Eltern und dem Baby geschehen und besonders helfen, wenn der Start für die Eltern und das Baby durch Geburtskomplikationen, Trennung von den Eltern, Operationen oder Vollnarkosen erschwert ist, wenn das Baby unruhig ist, viel weint, schlecht trinkt oder schläft, oder das Neue, Ungewohnte die Eltern erschöpf und  überfordert.

Diese spezielle Form der Berührung eignet sich in besonderer Weise aber auch für bindungsfördernde Eltern-Kind-Gruppen von der Schwangerschaft bis in das Kleinkindalter hinein. Die Eltern werden sicherer im Umgang mit ihrem Baby. Sie erfahren wie sie durch die sanften Körperberührungen ihrem Baby Nähe, Sicherheit und Geborgenheit geben können.

Sei es in Vorträgen, Kursen oder in der Beratung während der Schwangerschaft oder im Zusammenleben mit dem Baby oder Kleinkind: In allen Angeboten der EEH geht es stets um die Stärkung der Eltern, damit sie ihre ursprünglichen Kompetenzen im Umgang mit ihrem Baby ausbauen und/oder zurückgewinnen können. Die Natur hat die Beziehung zwischen Eltern und Kind Jahrtausende erprobt – wir müssen bloß nutzen, was sie uns mitgegeben hat. „Das Herz muss Hände haben, die Hände ein Herz.“ (aus Tibet)

Weiterführende Informationen gibt es unter www.emotionelle-erste-hilfe.org.

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