Schaumburger Liebesgeschichten: Der Graf und die Wichtelfrau (eine Legende nacherzählt)

 Historische Histörchen von Uwe Kurt Stade

„Der wohl letzte Graf zu Holstein- Schaumburg, wir verschweigen hier vornehm seinen Namen, verschwand fast täglich für ein paar Stunden mit dem Leibjäger und kam dann mit glücklichen Augen heim. Seine Gemahlin aber wunderte sich sehr, forschte, spähte und stellte dem Personal Fragen. Doch sie konnte nichts herausfinden, selbst der Leibjäger des Grafen blieb stumm. Nun aber machte die Gräfi n ein unanständiges Angebot an den Jäger mit zwei Beuteln Gold, einem Beutel Samenkörner und gab ihm genaue Anweisungen. Oh je, der Jäger wurde schwach und tat, was sie wollte. Beim nächsten Ausgang des Grafen streute der Jäger auf dem Weg, den er mit dem Grafen gehen musste, denn er war ja sein Wächter, heimlich die Samen aus dem Beutel auf den Weg. Lange suchte die Gräfi n vergeblich, doch die Keime sprossen im milden Frühlingsregen hervor und zeigten ihr die Spur des heimlichen Weges ihres Gatten und des Jägers. Die Gräfi n folgte der beschwerlichen Spur hinauf auf den steilen Berg bis zu einem herabhängenden großen Felsen. Hier entdeckte sie eine Höhle. Es war das Meumke-Loch. Erst lief ein Hase über den Weg und gab ihr den Rat, nicht weiter zu gehen, dann kreischten die Elstern „Weg! Weg! Weg!“, dann traf sie den alten Klausner. Er fragte sie, wohin sie denn so gedankenvoll und gebückt einher liefe und sie antwortete sie suche ein Geheimnis und wolle ein Rätsel lösen. Da antwortete der Klausner: „Alles zu wissen ist gefährlich! Alles zu fragen ist beschwerlich! Was das Auge nicht sieht, die Seele nicht weiß, macht Wangen und‘s Herz nicht kalt, noch heiß!“ Die Gräfi n ging dennoch weiter, bis sie in der Höhle ihren Mann in den hübschen kleinen Armen eines Wichtelweibchens vorfand, beide im Schlaf. Heimlich schnitt sie dem Wichtelweibchen einer ihrer wunderschönen Zöpfe ab und ging eilends fort. Der Graf kam verdrießlich heim, wollte der Gräfi n aber trotz Schmeicheleien und gutem Zureden nichts erzählen. Da holte sie den Zopf hervor und bot ihm Verzeihung an, wenn er von der Wichtelfrau ließe. Er warf sich ihr zu Füßen und mied fortan die Höhle. Doch es ertönten bald darauf Stimmen, die die geraubte Haarfl echte zurückforderten. Sie gaben diese zurück, doch nun verlangten die Stimmen, auch der Graf solle in die Höhle zurückkehren. Doch der Graf kam nicht, die Stimmen verstummten. Nur einmal noch schrie eine prophezeiende Stimme: „Komme zur Höhle zurück, Graf! Oder Dein Land wird an fremde Erben fallen!“ Der Graf ignorierte auch diese Stimme und blieb in Treue bei seiner Frau. Das Glück des Grafengeschlechtes ging zurück, er blieb ohne Nachkommen, und unsere Grafschaft Schaumburg fiel an fremde hessische Herren.

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