Richter Rost geht in den Ruhestand

Wenn Richter Christian Rost am 1. Dezember nach 37 Jahren und einem Monat in den Ruhestand geht, kann er auf eine Fülle von Erlebnissen und Geschichten zurückblicken. Die guten und die schlechten Seiten der Menschen, aber auch die lustigen – er hat sie alle aus nächster Nähe erlebt.
Sein Aufgabenbereich am Amtsgericht Rinteln unterteilte sich in zwei Tätigkeiten:
Als Betreuungsrichter, was 50 % seiner Arbeit ausmachte, war er sehr gern tätig: „Zum einen, weil nur am Schreibtisch sitzen nicht mein Ding ist. Besonders hat es mir aber immer viel Freude bereitet, Menschen zugewandt gegenüber zu treten und ihnen ein Stück weiter zu helfen.“ Wenn Menschen aufgrund körperlicher, geistiger oder seelischer Behinderungen nicht mehr entscheidungsfähig sind und ihre Dinge nicht mehr selbst regeln können, wird ein gesetzlicher Betreuer bestellt, der die entsprechenden Angelegenheiten rechtsverbindlich für die Betroffenen regelt. „Dazu gehören auch an Demenz Erkrankte, von Geburt an geistig Behinderte oder Menschen mit Schwerstbehinderung nach Verkehrsunfällen“, so Christian Rost. Ereignisse, die zum Schmunzeln anregen, gab es natürlich auch. Ein an Demenz erkrankter Mann streichelte dem Richter die Wange und sagte: „Du bist aber ein Süßer!“
Anders war seine Tätigkeit als Strafrichter. „Da hat man mit dem Richter Rost am besten nichts zu tun! Denn wenn man mit ihm zu tun hat, hat man große Probleme.“
Hunderte von Fällen galt es jährlich zu bearbeiten. Heutzutage wird ein Großteil per Strafbefehl abgehandelt. Mit einem Einspruch gegen das entsprechende Urteil kann der Angeklagte eine Hauptverhandlung erzwingen. Ansonsten ist der Strafbefehl für alle Seiten wesentlich günstiger. Waren es früher bis zu acht Verfahren pro Verhandlungstag, sind es dadurch heute wesentlich weniger.
Bei der umfangreichsten Verhandlungssache von Christian Rost ging es um eine Vortäuschung von Fortbildungszahlungen eines großen Rintelner Unternehmens, zu der 60 Zeugen geladen wurden. Der Angeklagten wurde vorgeworfen, diese Zahlungen in die eigene Tasche gesteckt zu haben. Das Verfahren endete jedoch mit einem Freispruch, weil die Beweise nicht ausreichten.
An einige Straftaten, bei denen sich die Angeklagten sehr dumm angestellt haben, erinnert sich Christian Rost mit einem lachenden Auge:
Ein maskierter Heranwachsender hat in Engern eine Bankfiliale überfallen und dabei eine ältere Dame mit einem Messer bedroht. Nach seiner Flucht entlang der Weser und der Entsorgung seiner Maskierung gönnte sich der Täter in der Gaststätte „Zum Hummel“ erst einmal ein Bier und wurde dort von der Polizei verhaftet. Er wurde nach Jugendrecht verurteilt.
Nicht gerade geschickt ging auch dieser junge Mann vor: Er wollte kurz vor Schalterschluss die damalige Sparkasse in Todenmann überfallen. Den Tatort hatte er im Vorfeld nicht erkundet, sein Fluchtauto stellte er am damaligen Krankenhaus ab. Als er die Sparkasse betrat, stand er vor drei Türen und wusste nicht, welche zum Schalterraum führte. Der Mitarbeiter der Sparkasse bemerkte, dass jemand vor den Türen stand und wunderte sich, dass niemand den Schalterraum betrat. Er ging ins Büro, schaute durch den Spion in der Tür und sah einen Mann mit Mütze, Schal im Gesicht und beschlagener Brille und rief die Polizei. Als der Täter unverrichteter Dinge flüchten wollte, nahm ihn die Polizei vor der Sparkasse in Empfang.
Durchaus als Markenzeichen kann man die Arbeitstasche von Richter Rost bezeichnen. Diese hat er sich im Jahr 1968 in der damaligen DDR gekauft und sie hat ihn während des Abiturs, sechs Jahren Studium mit erstem Examen, Referendarzeit mit zweitem Examen und seiner 37-jährigen Tätigkeit beim Amtsgericht Rinteln bis heute begleitet.
„Ein bisschen Wehmut wird schon da sein, wenn ich am 30. November in den Ruhestand gehe. Aber ich werde die Zeit auch genießen und mehr Zeit zum Üben haben.“ Was viele Rintelner vielleicht noch nicht wussten: Der Hobby-Gitarrist spielt seit zwei Jahren mit vier anderen Musikern in einer „Altherren-Band“, die sich einmal im Monat zum Proben in seinem Wohnzimmer trifft. „Bühnenreife haben wir zwar noch nicht, aber es wäre schön, wenn wir eines Tages mal auf einer Bühne spielen würden.“
Nun bleibt nur noch eine Frage offen: Was geschieht in Zukunft mit der Arbeitstasche?

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