Lesung mit Katharina Stegelmann: „Bleib immer ein Mensch: Heinz Drossel. Ein stiller Held“

Die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Rinteln, Mareen Fennert, lädt am Samstag, 26. Juli um 16.00 Uhr zu dieser beeindruckenden Lesung der Spiegel-Redakteurin Katharina Stegelmann im Familienzentrum, Ostertorstr. 2 in Rinteln ein.

Die Autorin erzählt die Geschichte eines Mannes, für den von Jugend an Menschlichkeit über allem stand. Heinz, als einziges Kind des Kaufmanns Paul Drossel und seiner Frau Elfriede in Berlin geboren, ließ sich durch die NS-Diktatur nicht verbiegen.

Bis 1939 studierte er Jura. Im Krieg machte ihn die Folterung und Ermordung von Juden, vor allem die Erschießung eines kleinen Jungen, fassungslos und wütend. Er ließ sowjetische Kriegsgefangene entkommen und engagierte sich als Verteidiger von straffällig gewordenen deutschen Soldaten vor Kriegsgerichten. Marianne, eine junge Jüdin, bewahrte er 1942 vor dem Selbstmord, und im Januar 1945 organisierte er mit Unterstützung seiner Eltern, die seit der Liquidation ihres Wäschegeschäfts in Senzig (bei Königs Wusterhausen) wohnten, für Günter Fontheim und drei andere Juden ein Versteck. Drossel scheute kein Risiko, wenn er das Leben anderer gefährdet sah. Marianne wurde 1946 seine Frau, Günter sein bester Freund. Der Neubeginn war schwer. Heinz Drossel erkrankte an Tuberkulose.

Aktuell_Lesung_StegelmannSein Vater, 1947 in Senzig zum Bürgermeister gewählt, wollte sich den Maximen der SED nicht unterordnen und wurde wegen „Wirtschaftsvergehen“ zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt. Marianne blieb in der frühen Bundesrepublik als Jüdin eine Außenseiterin. Mit weiter amtierenden früheren NS-Richtern konnte sich Heinz Drossel nicht arrangieren. Er ließ sich von Westberlin nach Baden-Württemberg versetzen, wo er es zum Präsident des Sozialgerichts in Freiburg brachte.

Drossel schwieg lange über seine Taten, verletzt durch die schrecklichen Erlebnisse und die „Nicht-Aufarbeitung“ in der Nachkriegszeit. Der in Ann Arbor/Michigan (USA) lebende Physiker Ernest Günther Fontheim regte die Ehrung von Heinz und dessen Eltern als „Gerechte unter den Völkern“ in Yad Vashem im Jahr 2000 an. Auch mit der Verleihung des Bundesverdienstkreuzes 2001wurden Drossels Taten als Rettungswiderstand gewürdigt.

Der immer bescheiden und warmherzig auftretende Zeitzeuge gab bis zu seinem Tod im Jahr 2008 die Botschaft, die ihm einst sein Vater anlässlich der Kommunion mit auf den Weg gegeben hatte, an Schüler weiter: „Mein Junge, bleib immer ein anständiger Mensch, auch wenn Du mal in Schwierigkeiten kommst.“ Katharina Stegelmann zeigt auch anhand von Bildern und Dokumenten, was Heinz Drossel zu Zivilcourage befähigte und warum die deutsche Gesellschaft Menschen, die Widerstand gegen das NS-Unrechtsregime, gegen den Krieg und gegen die Judenmorde geleistet hatten, erst nach Jahrzehnten ehrte.

Über den Autor

Ähnliche Artikel