Giovanni’s Welt im Juni

Was das Alter so mit sich bringt…

Giovannis_WeltEs passiert schleichend, unmerklich. Ein Prozess, der sich über Jahre schleppend ganz im Hintergrund abspielt. Dem man in der aktivsten Schaffenszeit seines Lebens kaum Beachtung schenkte, denn es gibt viel zu tun, packen wir‘s an.

Und dann, eines Tages, man steht wie immer zähneputzend vor‘m Waschbecken, schaut doch mal in den Spiegel, den man all die Jahre zur frühen Tageszeit kaum beachtet hatte, und dann macht es ganz urplötzlich „peng!“ Man sieht im Spiegel ein zerknittertes fremdes Gesicht. Es schaut dich mit schlupflidernen müden Augen an, zeigt kaum Regung. Dann erkennt man unter dem lichten Haupt und der faltigen Stirn doch eine erstaunte Reaktion. Das fremde Antlitz sagt: „Mein Gott, ich bin ja alt!“ Im gleichen Moment vereinen sich der Mensch im Spiegel mit dem Mann davor und man hört sich sagen: „Ich war doch eben noch jung. Wie kann das sein?“

So ähnlich ist es mir vor einiger Zeit widerfahren. Ich weiß nicht, wie es anderen im gleichen Lebensabschnitt bei dieser Erkenntnis gegangen ist. Ich glaube, die Damenwelt reagiert schon viel früher auf diese unabwendbare Tatsache des Älterwerdens. Bei jedem 0er Geburtstag hört man sie klagen. Bei einigen stellen sich Depressionen ein, andere kämpfen sich im Fitnessstudio körperlich fi t. Andere geben für Kosmetika nun wesentlich mehr Geld aus. Jeder muss seine eigene Lösung fi nden, und manche werden besser damit fertig.

Für alle Leidensgenossen beginnt nun ein neuer Lebensabschnitt und wenn man sich gut damit abgefunden hat, können sich durchaus neue Türen öffnen. Man erfreut sich plötzlich an Dingen, die vorher oftmals übersehen wurden. Das Blumenpfl anzen im Garten hinterm Haus wird zu einer geliebten Tätigkeit und verhilft nebenbei zu einer gewissen Fitness. Die Freude beim Bewundern der eigenen bunten Blütenpracht lässt das Herz höher schlagen. Man hat jetzt mehr Zeit für sich und unternimmt mit Freunden Ausfl üge, Busfahrten und Wanderungen. Endlich fährt man wieder Fahrrad und fi ndet selbst in der heimatlichen Natur neue Sehenswürdigkeiten. Man wird ruhiger, ausgeglichener und der Stress des früheren Alltags rückt in weite Ferne. Beim Besuch der Kinder erfreut man sich am Heranwachsen der Enkelkinder. Man hat plötzlich auch Zeit, sich mit ihnen zu beschäftigen. Es wird Kuchen gebacken, gegrillt und auf der Terrasse gesellig mit Freunden Wein getrunken. Die Frauen fangen das Stricken an und die Männer haben Spaß am Skatspielen oder Boulen. Und plötzlich merkt man: „Mein Gott, das Leben kann so schön sein!“

Euer Giovanni

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