Giovanni’s Welt im Dezember: Vorurteile

Giovannis_WeltAls ich heute zum Einkaufen nach Rinteln fuhr, versuchte jemand vor mir, ganz umständlich und kompliziert rückwärts einzuparken. Weil der Vorgang immer länger dauerte, bildete sich hinter mir schon eine Schlange wartender Autos. Mein Hals wurde immer dicker und ich sagte zu mir: „Wetten, dass das eine Frau ist?“ Beim Vorbeifahren an dem Fahrzeug sah ich dann, dass es ein älterer Herr war. Man kann sich ja mal irren, war mein nächster Kommentar. Während ich meine Fahrt fortsetzte und merkte, dass mein Hals wieder dünner wurde, kam ich plötzlich zu einer überraschenden Erkenntnis. Mein Gott, ich habe ja das gleiche Problem, was ich anderen immer vorwerfe, … Vorurteile!

Ich doch nicht, wollte ich gerade noch sagen. Ich hatte mich selbst überführt, entlarvt und erwischt. Dabei hasse ich es, wenn vorschnell ein Urteil über jemanden oder etwas abgegeben wird, das nicht auf Erfahrung oder Wissen über das Beurteilte beruht. Alle Menschen auf unserer Erdkugel sind voller Vorurteile. Hier ein paar Beispiele: Schotten sind geizig, Franzosen sind unhöflich und essen Froschschenkel, wir Deutschen sind pünktlich und humorlos, Japaner fotografieren alles, was ihnen vor die Linse kommt, Amerikaner sind Waffennarren und dick, Holländer sind kiffende Wohnwagenfans, Italiener sind wehleidig, faul und jeder Zweite hat mit der Mafia zu tun – aber singen können sie. Man könnte das noch unendlich weiterführen, so z. B., wer Detlef heißt, muss schwul sein, alle Rockmusiker nehmen Drogen, Blondinen sind dumm und natürlich auch die Frisösen.

Albert Einstein sagte einmal: „Es ist schwieriger, eine vorgefasste Meinung zu zertrümmern als ein Atom.“ Peter Ustinov meinte zu diesem Thema: „Wenn der Rivale des Vorurteils der Zweifel ist, dann ist sein Komplize die Bequemlichkeit und die Rechthaberei.“ Erfahrungen und Vorurteile sind ja bekanntlich Schubladen, die wir im Laufe unseres Lebens mit bewussten und unbewussten Wahrnehmungen füllen. Dadurch gelangen auch vorgefasste Meinungen und ungeprüfte Ablehnungen in unsere Sammlung. Unterbewusst haben wir die Schubladen dann mit gut, böse, richtig oder falsch beschriftet. Mit Hilfe dieses vermeintlichen Wissens gelangen wir schlauen Menschen dann bei gegebenen Situationen zu Urteilen, Fehlurteilen oder Vorurteilen.

Ich verspreche hiermit, mein Restleben ohne Vorurteile zu Ende zu bringen. Wer mich dennoch dabei erwischt, dem gebe ich gerne ein Bier oder Kaffee aus. Ich weiß jetzt, Frauen fahren genauso gut Auto wie wir Männer. Jedenfalls einige…

Euer Giovanni

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