„ausgewildert“: Vom Schlosser zum Fährmann und Hafenmeister

Aktuell_Portrait_Wilhelm Gröne_mit Daisyvon Sonja Weichert

Entspannt mit Hündin Daisy durch die Gegend schlendernd oder genussvoll mit einem kühlem Hopfengetränk auf dem Marktplatz sitzend; so kennt den „Fährmann“ wohl jeder in der Stadt. Wilhelm Gröne, vollbärtig, immer guter Laune und stets für einen kleinen Plausch Zeit, heißt eigentlich Wolfgang und hat aus seinem Leben viel zu erzählen.

Als junger Mann wollte er nach der Lehre zum Schlosser gern nach Afrika zur Holzverarbeitung. Doch seine Eltern sorgten sich und ihnen zuliebe verwarf er seinen Plan. Der Vater, Berufssoldat, hätte seinen Sohn gern bei der Bundeswehr gesehen, doch Wolfgang hatte andere Vorstellungen und ihn lockte schon damals das Wasser. Aktuell_Portrait_Wilhelm Gröne_SeemannSechs lange Jahre ging er dann als Maschinist eines Stückgutfrachters zur See und bereiste fast den ganzen Kontinent. Dann zog es ihn wieder an Land und die neuen Turbinen eines E-Werkes wurden von ihm in Schuss gehalten. Aber auch da war nach einigen Jahren der „Trott“ drin und die Abwechslung lockte wieder ans Wasser. Zwar nicht zurück an das große Meer, sondern bei der Kurverwaltung Bad Salzuflen im Solebrunnenbereich. „Ich brauchte neue Menschen um mich und hab es nie irgendwo länger als acht Jahre ausgehalten“.

Neue Menschen gab es auch im privaten Bereich. Aus der ersten Ehe entstand ein Sohn und eine Tochter, in der zweiten Ehe waren es dann noch drei Mädels. Als Wassermeister ging es für den gebürtigen Lemgoer dann nach Bösingfeld ins Rathaus und von dort nach Asmissen an die Schule für lernschwache Schüler. „Das war eine besonders schöne Zeit, alle Kinder mochten mich und ich habe sehr viel Wert drauf gelegt, meine Arbeit Besonders zu machen“. Deshalb gab es für die Kinder auch warmen Kakao und für jeden Lehrer wurde eine Rose gepflanzt. „Als es wieder Zeit wurde, Abschied zu nehmen, ging ich mit meinen fünf Frauen aus einem zu eng gewordenen Reihenhaus hinaus auf’s Land“. Ein Hof mit Ställen, Scheunen und einem Bach verlangte nun die ganze Aufmerksamkeit und Arbeitskraft des Frührentners. „Ich dachte, bei fünf Frauen schaffe ich auch fünf Milchziegen an, bei beiden klappte es aber mit der Erziehung nicht“. Als die Kinder dann aus dem Haus waren, funktionierte es mit der Ehe nicht mehr. „Meine Frau wollte sich selbstverwirklichen und hat mich ausgewildert!“

Und so wird der Schlosser, Seemann und Wassermeister zum Fährmann. Zwischen Veltheim und Varenholz setzte Gröne dann an den Wochenenden Personen, Radwanderer und auch schon mal Schafe mit der Hochseilfähre über. Im Sommer wohnte er nahe „seiner“ Fähre. Aber heißt man als Fährmann Wolfgang? „Nein“, ein maritimer Name musste her, und ab dann bevorzugte Wolfgang den Namen Wilhelm. Seit einigen Jahren macht der Rücken diese Art von Arbeit nicht mehr mit und seitdem widmet der Fährmann seine ganze Aufmerksamkeit seiner Wahlheimat Rinteln und wird zum „Hafenmeister“.

Aktuell_Portrait_Wilhelm Gröne_PatenschaftWenn der heute 73-jährige Wilhelm mit Daisy, die kommt aus einer Zirkusfamilie und ist eine Mischung aus Terrier und Pudel, an der Stadtmauer entlang den Müll aufsammelt und alles in Schuss hält, genießt er die schöne Aussicht. „Wo stehen – wie bei uns heute noch – Kühe in einer Stadt am Wasser“. Doch oftmals muss er sich auch arg wundern über das Verhalten meist erwachsener Menschen. Zertrümmerte Flaschen liegen am Ehrenmal und nahe der Fußgängerbrücke, die er augenzwinkernd „Buchenholzbrücke“ nennt („…weil der Alt-Bürgermeister sie doch durchgesetzt hat“), verrichten nicht nur Hunde ihre großen Bedürfnisse. Aber trotzdem ist er froh, letztes Jahr die Patenschaftspflege für das Stück von der Weserbrücke bis hin zum Wasserschiffartsamt übernommen zu haben. Jeden Tag schaut der „Hafenmeister“ zweimal nach dem rechten und merkt schon jetzt, dass sich bei vielen Menschen das Bewusstsein verändert hat und weniger Müll verteilt wird. Bis auf einige wenige, die versuchen, mit den leer getrunkenen Flaschen von weitem in die kleinen Öffnungen der Mülleimer zu treffen. Aber auch Anerkennung in Form eines kleinen Umschlages mit einem Danke-Scheinchen hat Wilhelm Gröne schon in seinem Geräteverschlag gefunden. „Ich kann mir auch schon denken, wer es war“, lacht er schmunzelnd und macht sich am Ende eines interessanten Gespräches mit seiner Hündin und Wanderstock wieder auf den Weg, um den Kontrollgang am „Alten Hafen“ zu machen.

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